Gut gebrüllt, Jörges & Jürgs!

NIcht alles, was Stern-Aushängeschild Hans-Ulrich Jörges sagt, muss man gut finden, aber wenn er Recht hat, hat er Recht:

"Wer die ersten Seiten mit Schnarchalien aus dem Innenleben von Parteien und Machtapparaten füllt und danach das Übliche aus Wirtschaft, Sport, Kultur und Lokalem abspult, braucht sich nicht zu wundern, dass er am Ende ein Seniorenblatt produziert, das von Jüngeren nur noch begähnt wird."

Hans Ulrich Jörges

Kollege Jörges spricht aus, dass die Leser sich nicht mehr darauf verlassen dürfen, dass sie guten Journalismus auf Umwegen bezahlen, nämlich über die im Preis der von ihnen gekauften Markenprodukte enthaltenen Werbebudgets, sondern dass sie mehr und mehr direkt bezahlen müssen.

Mit seinem Bild vom Journalisten des 21. Jahrhunderts kann man sich anfreunden (allein: mir fehlt noch der Glaube):

"…das verlangt nach Journalisten, die für ihr Blatt zur Marke werden – vom Leser gesucht, von der Redaktion herausgestellt, vom Verlag gepflegt. … Das Autorenprinzip gewinnt im rasenden Wettbewerb um Aufmerksamkeit an Bedeutung. Auch und gerade, wenn die Redaktionen von den Verlagen aus Kostengründen personell ausgekämmt werden. … Münden Sparorgien … in journalistische Gesichtslosigkeit, ist das Blatt insgesamt verloren – der Untergang ist bloß noch eine Frage der Zeit. Der Journalist als Marke braucht also den Verleger aus Leidenschaft. Einen, der sich nicht vom Blindenhund des Controllings durch die Krise zerren lässt. …"

In der gleichen Serie über die Zukunft des Journalismus hat auch Michael Jürgs (der lange vor Jörges in der Stern-Chefetage saß) ein paar Dinge geschrieben, die sich unsere Generation kaum noch traut zu sagen. Zum Beispiel:

"In der Warenwelt der Medien geht es zu wie in der wahren Welt. Bei zu vielen bunten Blättern sind die Redakteure noch dümmer als ihre Leser. Wenn bei der seit Jahren andauernden Flurbereinigung auf dem Medienmarkt der Eitelkeiten nur Selbstdarsteller und Gossenjungs auf der Strecke geblieben wären, würde das kein Anlass sein für einen wehmütigen Nachruf.

Doch seit sich Betriebswirtschaftler einbilden, Journalist zu sein sei ein Beruf wie der ihre auch, von wegen vierte Gewalt!, trifft ihr Kahlschlag Menschen, die ihr Handwerk beherrschen, unbestechlich sind, moralisch handeln und an das glauben, was sie veröffentlichen – Journalisten."

"Schatzsuchen … kosten Geld. Man nennt es unter uns auch Recherchen."  Die Flanellmännchen setzen "ihre Drohungen endlich ungeniert um – bei nächstschlechter Gelegenheit, den Redaktionsetat zu reduzieren, Mitarbeiter zu entlassen, was sie freisetzen nennen, und sich so für alle erlittenen Demütigungen zu rächen. Nie hatten sie es so leicht wie jetzt."

"Weil eigenartige und -tümliche Verleger auf der Liste gefährdeter Spezies stehen, brauchen Journalisten eigentlich mehr denn je kühne Kaufleute, die schwarze Wörter auf weißem Grund schätzen und darauf achten, dass nichts ins Rote abrutscht. Denn sonst müssten Journalisten ihre Texte in Fußgängerzonen vortragen und anschießend um milde Gaben bitten. Die Alternative, sich einen anständigen Beruf zu suchen, war nie eine so recht prickelnde."

"Es gibt … mehr im Himmel und auf Erden, als McKinsey-geschulte Weisheit sich träumen lässt."

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