Journalisten und die VG Wort I

Bevor ich zu ein paar grundsätzlichen Anmerkungen über meine Zunft und ihre Vorstellungen zum Urheberrecht komme, die aktuelle Nachricht vorweg:

Auch in den kommenden vier Jahren – also bis Mai 2015 – können sich Journalistenkolleg(inn)en bei Problemen rund um die VG Wort vertrauensvoll an mich wenden. Die Mitglieder der Berufsgruppe 2 (Journalisten und Sachbuchautoren) haben mich gestern zum zweiten Mal in den Verwaltungsrat wiedergewählt.

Zwei journalistische Mitglieder der VG Wort – und damit komme ich schon in die Randzonen des Grundsätzlichen – können mich eigentlich nicht gewählt haben. Sie hatten mir nämlich kurz zuvor eine gänzlich neue Erfahrung in meiner langjährigen ehrenamtlichen Karriere beschert und dem Verwaltungsrat, dem ich nun mal angehöre, die Entlastung verweigert. Und zwar ohne Vorwarnung oder Aussprache, sowohl im eigenen Namen als auch als Bevollmächtigte von vier weiteren Kollegen.

Womit haben wir uns diese Watschn (mehr war dieses Minderheitsvotum aufgrund der Mehrheitsverhältnisse nicht) verdient? Nun, erstens haben wir sträflicherweise nicht alle Jura studiert, zumindest ich nicht; zweitens waren wir nicht misstrauisch genug gegenüber dem scheinbar völlig bösartigen Vorstand; drittens haben wir uns darauf verlassen, dass die Volljuristen aus dem Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA), die als Aufsichtsbeamte jede unserer Sitzungen in teilnehmender Beobachtung begleiten, uns vor juristisch nicht haltbaren, „willkürlichen“ Entscheidungen großer Tragweite schon warnen würden. Die aktuelle Auffassung des DPMA geht nämlich dahin, wir hätten widerrechtlich Millionen, die regelmäßig in Pressespiegeln vertretenen Kollegen zugestanden hätten, anderen Journalisten zugeschanzt.

Um diesen Vorwurf nachvollziehen zu können, muss man wissen, dass die VG Wort über mehrere Geldtöpfe verfügt, die sich aus unterschiedlichen Quellen speisen und nach unterschiedlichen Regeln ausgeschüttet werden. Bei den Journalisten der Tages- und Wochenpresse, die hier betroffen sind, geht es um zwei dieser Töpfe.

Der Inhalt von Topf 1 kommt jenen Journalisten zugute, die viel und (tages-) aktuell über Firmen und Behörden schreiben, in denen täglich oder wöchentlich ein Pressespiegel zusammengestellt wird. Diese Texte aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung werden nicht etwa deshalb fleißig kopiert, weil sie eine besondere gestalterische Schöpfungshöhe aufwiesen, also toll geschrieben sind (was im Einzelfall durchaus zutreffen mag, dann aber meist dem persönlichen Ehrgeiz des Autors und kaum dem Auftrag des Chefredakteurs geschuldet ist), sondern ganz profan deshalb, weil der Name einer Firma oder Institution darin erwähnt wird. Genauer gesagt: weil die zuständigen Kommunikationsdirek- und Spindoktoren schwarz auf weiß einen Leistungsnachweis benötigen, damit ihnen der Finanzchef nicht das PR-Budget kürzt. Man nennt dieses Ausloten des Presse-Echos auch Medienresonanzanalyse; es ist eine Disziplin, in der Quantität meist stärker ins Gewicht fällt als Qualität und in der eine „qualitative Analyse“ nicht untersucht, ob der Text gut recherchiert oder geschrieben war, sondern wie gut die Firma oder das Ministerium darin wegkommt. Wer einen Pressespiegel zusammenstellt, zahlt dafür direkt (Pressespiegel auf Papier) oder indirekt auf dem Umweg über den Dienstleister Presse Monitor (elektronischer Pressespiegel) seinen Obolus an die VG Wort. (Das ist gut und richtig so, denn diese Leute verdienen ja mit dem Kopieren journalistischer Texte ihr Geld.)

Topf Nummer 2 kommt Journalisten zugute, deren Texte irgendjemand, der keinen (offiziell angemeldeten) Pressespiegel herstellt, auf Fotokopierer, Scanner oder Fax legt, weil sie ihn wirklich ernsthaft interessieren. Er nennt sich „Presse-Repro“ und wird finanziert aus den Urheberrechtsabgaben der Hersteller der zum Vervielfältigen benutzten Geräte. Aus ihm werden auch Autoren bedient, deren Texte nicht dem Pressespiegel-Paragraphen des Urheberrechtsgesetzes unterliegen, also etwa Journalisten wie ich, die für Monatsmagazine schreiben.

Der Pressespiegel-Topf war traditionell erheblich größer als der Presserepro-Topf, die durchschnittliche Ausschüttung pro Autor auch. Allerdings gab es eine enorme Bandbreite. Provinzjournalisten schafften es nur mit gelegentlichen Meldungen über den einzigen großen Arbeitgeber der Region in dessen Pressespiegel. Hingegen sind manche Autoren der großen überregionalen Tages- und Wirtschaftszeitungen (Handelsblatt, FAZ, Süddeutsche, FTD, Welt)  praktisch jeden Tag in diversen Spiegeln präsent. Die einen bekamen einen bescheidenen zweistelligen Betrag pro Jahr, die Spitzenreiter satte vierstellige Summen.

Die Regelung, die ich 2003 bei meiner Wahl in den Verwaltungsrat vorfand, sah nun vor, dass die Pressespiegel-Autoren nicht etwa aus beiden Töpfen bedient wurden, sondern nur aus dem, bei dem ihnen jeweils der höhere Betrag zustand.

Streng genommen war es natürlich nicht ganz fair, dass diese Kollegen an den Einnahmen aus der regulären Kopierabgabe nicht beteiligt wurden. Nur weil jemand eh die fettesten und breitesten Kuchenstücke abgreifen darf, kann man ihm nicht einfach das Sahnehäubchen vorenthalten, das ihm auf den ersten Blick auch noch zusteht. Der Neid der Besitzlosen ist dafür jedenfalls kein Grund.

Trotz ihrer prinzipiellen Ungerechtigkeit war diese Praxis lange Jahre kein Problem, das die Betroffenen auf die Barrikaden getrieben hätte. Vielleicht wollten sie nicht als gierig erscheinen. Es gab aber auch einen legitimen Grund für die vermeintliche Benachteiligung der Besserverdiener – einen mit gesundem Menschenverstand leicht ersichtlichen, allerdings wohl nie empirisch überprüften Grund: Das Gros dessen, was Clipping-Dienste und Pressereferate in Pressespiegeln bündeln, interessiert außerhalb des Empfängerkreises ebendieser Pressespiegel nur wenige Menschen so sehr, dass sie es sich kopieren. Oft interessiert es nicht einmal die Empfänger, die gar nicht die Zeit haben, die Konvolute zu lesen. Und wenn sie doch mal ein Beitrag interessiert, haben sie die Kopie bereits auf dem Tisch oder im Intranet. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass jemand außerhalb der Firmen oder Behörden ausgerechnet diese Texte kopiert, um sie zu archivieren oder Dritten zum Lesen zu geben, ist also recht eindeutig niedriger als bei anderen Texten.

Der Haken: Diese Optionslösung, bei der die Autoren jedes Jahr aus dem jeweils volleren Topf schöpfen dürfen, galt nur für pressespiegelnde Kollegen, die vorsorglich auch einen Presserepro-Meldezettel ausgefüllt hatten – für den als unwahrscheinlich angesehenen Fall, dass Repro doch einmal lukrativer sein würde. Wer einzig und allein auf die aktuellen Zahlen schaute und sich ansonsten weder für die Spielregeln der VG Wort noch für ihre langwierigen Prozesse mit der Geräteindustrie interessierte, konnte auf die irrige Idee kommen, es bleibe auf alle Zeit witzlos, sich die Arbeit mit dem Presserepro-Formular überhaupt zu machen. (Wer diese Kleinigkeit schon für lästigen bürokratischen Ballast hielt, hat wahrscheinlich nie einen Meldezettel der VG-Wort-Abteilung Wissenschaft gesehen.)

Jahrelang schien der sommerliche Scheck den Bequemen Recht zu geben: Für die Mehrarbeit hätten sie tatsächlich nicht einen Cent zusätzlich bekommen. Ein Betroffener – einer, der mir die Entlastung verweigert hat – empört sich, ihm habe vor Jahren irgendeine Sachbearbeiterin der VG Wort am Telefon auch genau dies so gesagt: Wer bei der FAZ sei, der fahre so gut mit Pressespiegel, dass ihm Presserepro gar nichts bringe.

Was der Kollege nicht erwartete: Manchmal ändern sich die Zeiten, ohne es den Betroffenen mitzuteilen. So ist inzwischen klar, dass es wenn nicht dumm, so doch leichtsinnig war, nie wieder einen Presserepro-Meldezettel auszufüllen und sich auch nicht mehr zu vergewissern, ob die Jahre alte Auskunft denn noch zeitgemäß sei. Ab Anfang der Nullerjahre gingen nämlich die Einnahmen der VG Wort aus Pressespiegeln langsam, aber sicher zurück – von deutlich über vier auf typischerweise dreieinhalb Millionen Euro. Zugleich dümpelten die Repro-Einnahmen allein deshalb auf einem niedrigeren Niveau herum, weil die Hersteller von Multifunktionsgeräten (Scanner, Fax und Drucker in einem) keine Urheberrechtsabgaben zahlen wollten und die VG Wort ihre Ansprüche erst einmal durch alle Instanzen erstreiten musste.

Nachdem die VG Wort endlich gewonnen hatte, mussten HP & Co. gewaltige Nachzahlungen leisten. So konnten 2009 weit über 200 Millionen Euro per Sonderausschüttung an Autoren und Verleger verteilt werden. Ein dicker Batzen davon landete bei den Pressejournalisten. Die Folge: Durch die nachträgliche Auffüllung waren die Repro-Töpfe der Jahre 2002 bis 2007 auf einmal voller als die entsprechenden Pressespiegel-Töpfe. Auch viele der Kollegen, denen ursprünglich der Pressespiegel lukrativer erschienen war, wären rückblickend betrachtet mit Repro besser gefahren. Da sie nichts gemeldet hatten, gingen sie bei der Nachzahlung Anfang 2010 leer aus.

Seither sind sie stinksauer auf den Vorstand, die Mitarbeiter und eben auch auf den Verwaltungsrat der VG Wort. Wie Gespräche am Rande der Mitgliederversammlung ergaben, ist der auch für mich durchaus nachvollziehbare Unmut über die entgangenen Tausender im vergangenen Jahr in einer Weise eskaliert, die mir wieder einmal bestätigt hat, dass wir Journalisten zwar in einem Kommunikationsberuf arbeiten, aber mit einer pragmatischen Kommunikation untereinander so unsere Schwierigkeiten haben.

Aus der Perspektive des Verwaltungsrats sah es im Sommer 2010 so aus: Ein paar Monate nach dem Versand der dicken Schecks stellten binnen kurzer Zeit zwölf Wahrnehmungsberechtigte aus Frankfurt am Main – sprich: FAZ-Redakteure und Redakteurinnen – bei uns Anträge auf Mitgliedschaft in der VG Wort. Wer Mitgliedsstatus hat, genießt in der VG Wort zwar volles aktives UND passives Wahlrecht für alle Gremien. Aber bisher hatten sich selbst Journalisten, die viel Geld von der VG Wort erhalten, nie danach gedrängt, ihre Mitspracherechte auszuüben. Das plötzlich erwachte Interesse erstaunte uns, aber eigentlich freuen wir uns immer über potenzielle Mitstreiter in der Journalistenfraktion. Untypisch war nur, dass weder beim Journalistenverband noch bei der Gewerkschaft ver.di jemand die Namen kannte. Was ehrenamtliches Engagement für Journalisten angeht, schien es sich um unbeschriebene Blätter zu handeln. Entsprechend gespannt waren wir, wann und wie die Neuen sich zu Wort melden und einbringen würden.

Aus der Sicht des Frankfurter Dutzends waren wir Verwaltungsräte jedoch Teil ihres uns noch gar nicht bewussten Problems und Mitschuldige an ihrem finanziellen Verlust. Zunächst wandten sich die Kollegen an den Vorstand der VG Wort, der aber auf die – vom DPMA bis dahin nie beanstandete – Beschlusslage verwies. Nun wäre es für mich, wenn ich denn einer der Betroffenen gewesen wäre, naheliegend gewesen, mir den Verwaltungsrat zur Brust zu nehmen, insbesondere meine journalistischen Kollegen. Ich hätte wissen wollen, wie diese DJV- und ver.di-Heinis Franke, Froitzheim, Lühr & Co. eigentlich auf die Idee gekommen sind, so einer nachteiligen Lösung zuzustimmen und was sie (also wir) zu tun gedächten, um das Problem aus der Welt zu schaffen.

Die Frankfurter haben sich nie bei uns gemeldet, nie beschwert. Statt dessen reichten sie formal Beschwerde beim DPMA gegen die VG Wort ein, übersprangen also eine Eskalationsstufe und ließen eine Chance aus, das Thema erst einmal kollegial auf gleicher Augenhöhe zu diskutieren. Was ich mir nun am Rande der Mitgliederversammlung von einem der Kollegen anhören musste, erspare ich Ihnen, nur soviel: Die Wortwahl hätte zu einem Oberstaatsanwalt gepasst, der Angeklagte vor sich hat, die sich persönlich bereichert haben. Es war ein Tonfall, wie man ihn nie von Menschen hört, die gelernt haben, zuzuhören, respektvoll mit anderen umzugehen und Kompromisse zu schließen. Die Wut und Empörung muss also immer noch immens sein, und man sehnt sich nach so einer Begegnung einen Mediator herbei, der diese Leute erst einmal in einen Dialogmodus bringt.

Ich gebe zu, dass ich mit solch einem Stil meine Schwierigkeiten habe. Leicht überspitzt gesagt erinnert er mich an Eltern, die sich gleich beim Kultusministerium über einen Schuldirektor beschweren, ohne je mit dem Lehrer gesprochen zu haben, mit dem ihre Kinder nicht zurecht kommen. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass Leute mit derartigen Umgangsformen bei Menschen, mit denen sie beruflich zu tun haben, die Wahrnehmung unseres Berufsstandes in der Öffentlichkeit prägen könnten. Journalisten sind für mich per definitionem neugierige, offene und zu Zweifeln bereite Menschen, die nicht nur nach dem Was, sondern auch nach dem Warum fragen. Immerhin: Wir haben die Visitenkarten getauscht, und ich hoffe, dass irgendwann ein Gespräch zustande kommt, bei dem mein Gegenüber nicht nur den Mund, sondern auch die Ohren öffnet.

Gut finde ich auch, dass ein älterer Kollege dieses jungen zornigen Journalisten nun als Ersatzmitglied in den Verwaltungsrat einzieht. Wer in unserem Gremium mitarbeitet, wird über kurz oder lang entdecken, dass alle Autorenvertreter sich bemühen, für die journalistischen Urheber insgesamt das Bestmögliche herauszuholen. Wenn der Neue dabei mehrheitsfähige neue Ideen einbringt, für die wir vielleicht zu betriebsblind waren, soll es uns recht sein. Denn wir heißen zwar „Verwaltungs“-rat, aber das heißt nicht, dass wir den Laden verwalten. Sondern der Verwaltung raten, das Richtige und Notwendige zu tun, auch wenn es Mühe macht.

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