Wozu Urheberrecht? (2) – ACTA

Am Donnerstag ist die neue brand eins erschienen. Darin bin ich der „Guten Frage“ nachgegangen, wozu ACTA eigentlich gut sei. Ich spreche mich letztlich gegen das Anti-Counterfeit Trade Agreement aus – aber nicht aus den üblicherweise vorgebrachten Gründen – und zerpflücke die teilweise hanebüchenen Fehlinformationen, die monatelang über ACTA verbreitet wurden (bitte im Heft nachlesen; der Text bleibt wie üblich einen Monat hinter der papierenen Paywall, weil die Redaktion und ich von etwas leben müssen).

Kaum war das Heft in den Briefkästen und an den Kiosken, erreichte mich bei Google+ die erste Kritik. Absender: ein junger Leser, der die Ansicht vertritt, ich sei – sinngemäß – für solche Themen doch wohl leider eine Fehlbesetzung. Der unschwer als Sympathisant der Piratenpartei erkennbare Leser war schwer enttäuscht, dass jemand wie ich, der immer so tut, als kenne er sich im Internet aus, so etwas Unsägliches schreiben kann. Schließlich hatte ich schon über Netzneutralität etwas geschrieben, das mit seiner Sichtweise nicht kompatibel war.

Nun beginnt mein Text aber mit einem Disclaimer, einer Befangenheitserklärung. Ich bekenne mich dazu, dass ich im Verwaltungsrat der Verwertungsgesellschaft Wort sitze – als Interessenvertreter der journalistischen Berufsgruppe. Die VG Wort treibt in einem normalen Geschäftsjahr etwa 120 Millionen Euro ein, von Geräteherstellern, Copyshop-Betreibern, Bibliotheken oder Fernsehkabelbetreibern.

Pro Kopf und Jahr sind das 1,50 Euro pro Bürger – oder 0,4 Cent am Tag.

Diese Zahlen, dachte ich, relativieren ein wenig die Aufregung, die viele Menschen in Deutschland erfasst hat. Menschen, die ernsthaft glauben, wir Autoren seien eine gierige Bande, die nur darauf lauert, harmlose User entweder abzuzocken oder in den Knast zu bringen.

Es ist nicht so, dass wir Urheber in der Offensive wären und die Nutzer in der Defensive. Es ist genau andersrum. Wenn man es wagt, als Journalist, Fotograf, Musiker oder sonstiger Kreativer in Foren und auf Social-Media-Plattformen mitzudiskutieren, wird man immer wieder mit den gleichen Argumenten gedrängt, sich dafür zu rechtfertigen, dass man meint, mit seinem erlernten Beruf Geld verdienen zu dürfen.

Ich kann und will die Tatsache nicht leugnen, dass ich nicht bereit bin, meinen Beruf zum Hobby zu machen – denn darauf liefen die vermeintlichen „Geschäftsmodelle“ hinaus, die unsereinem in verschiedenen Geschmacksrichtungen nahegelegt werden. Lieber versuche ich in dieser kleinen Blogpost-Serie zu erklären, warum die Dinge nicht so einfach sind, wie insbesondere jüngere Mitbürger es gerne hätten.

Ja ja, ich weiß, hier spricht wieder der arrogante alte Sack.

Aber, liebe Digital Natives, ich würd’s erst mal lesen und mich dann aufregen. Ihr behauptet doch immer, das Netz sei ein Kommunikationsmedium und keine Einbahnstraße. Das sehe ich ganz genauso. 😉

Fortsetzung folgt

Nachtrag (1. April 2012)

Ohne Scherz: Kollege Thorsten Schmitz von der Süddeutschen Zeitung (nur offline) hat gestern auf der Seite Drei über die „Pervertierung des Freiheitsbegriffs“ geschrieben – also die Gleichsetzung von ungehindertem mit kostenlosem Zugang zu Information und Kultur. Erschütternde Rahmenhandlung der Reportage: Ein offenbar populärer Rockmusiker ist schon so verängstigt, dass er nur anonym unter Informantenschutz  etwas zum Thema Urheberrecht sagen will. Dieser Musiker habe nach Sven Regeners Verbalgewitter Boykottankündigungen von dessen Fans gelesen. Diese würden keine CDs mehr von ihm kaufen. Ich gehe zwar davon aus, dass das nur Maulhelden waren, denn welcher brave Tonträgerkäufer hätte Anlass, aus Solidarität mit musikalischen Schwarzfahrern die Krallen auszufahren? Ich weiß nicht, was mich mehr schockt: dass Hardcore-Umsonsthabenwoller nicht einmal vor Psychoterror zurückschrecken – oder dass Rock’n’Roller kein Rückgrat mehr haben. Wäre ich musikalischer, würde ich ja rebellisch dagegen ansingen.

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