Wer will ein grabesruhiges Schlafdorf?

Drei Kandidatinnen und zwei Kandidaten treten morgen zur Bürgermeisterwahl in Kaufering an. Wenn ich mir in der Lokalpresse die Leserbriefe zu unserem Aufregerthema Verkehrsberuhigung anschaue, muss ich sagen: Die Qual der Wahl hätte schlimmer kommen können. Dann nämlich, wenn wir nicht zwischen mehreren vernunftbegabten Menschen wählen könnten, sondern nur solche Leute anträten, die ausweislich ihrer veröffentlichten Prosa am liebsten in einer (Wagen-)Burg leben würden, auf der sie sich vor lästigen (PS-)Reitern und (Benzin-)Kutschern aus der Umgebung abschotten könnten. Leute, die es stört, dass Autofahrer aus dem Norden ungehindert in unseren Ort hinein und im Süden auch wieder hinaus fahren können. Leute, die Ahnung von Softwarecode haben mögen, aber sonst eher ins Mittelalter passen. Leute, die Kaufering am liebsten zu einem verschnarchten Schlafdorf zurückentwickeln möchten, in dem Grabesruhe herrscht und geschäftiges/geschäftliches Treiben verpönt ist. Leute, die zwar selber Geld verdienen möchten, aber am liebsten ohne die Wirtschaft.

Bei der Lektüre der Burg-und-Reiter-Parabel im LT ging mir auf, dass es dem Verfasser – der sicherlich nicht nur für sich allein spricht – nicht nur darum geht, uns zu Fußgängern und Radschiebern umzuerziehen und den ohnehin bescheidenen öffentlichen Nahverkehr vollends unattraktiv zu machen, indem man ihn zur Stop-and-Go-Veranstaltung degradiert. Zwischen den Zeilen steht sehr deutlich, dass Auswärtige bitteschön einen großen Bogen um unsere Gemeinde machen mögen. Das mag ja beim Durchgangsverkehr noch ein nachvollziehbarer Wunsch sein. Ökologisch sinnvoll ist es nicht. 

Wer von Hurlach in den Landsberger Norden will, spart dreieinhalb bis sechs Kilometer ein, wenn er die alte Direttissima nimmt. Tut er den Verkehrsberuhigern den Gefallen, über die neue B17 bis zur Ausfahrt Igling und dann über die Viktor-Frankl-Straße zur Augsburger Straße zu fahren, kostet ihn das 40 Prozent mehr Sprit, und er produziert 40 Prozent mehr Abgase. Wer es okay findet, den Treibhausgas-Ausstoß der Bewohner unserer Nachbarorte derart in die Höhe zu treiben, darf dann allerdings nicht so heuchlerisch sein, vom Kauferinger Klimaschutzkonzept zu schwärmen. Und es ist ja nicht so, dass die Hurlacher und andere Nordlichter nicht auch zu uns wollten. Es wird gern vergessen, dass Kaufering – wirtschaftsgeografisch gesehen – längst zu einem Satelliten der Kreisstadt Landsberg geworden ist und einen Teil ihrer zentralörtlichen Bedeutung als Mittelzentrum übernommen hat. Wir nennen uns nicht von ungefähr „Markt Kaufering“, ja, wir sind eine echte Supermarkt-Gemeinde, in der sich das Umland versorgt. Der Umwelt bleibt tonnenweise CO2 erspart, weil viele Leute, die den Weg Richtung Kaufering nehmen, gar nicht nach Landsberg weiterfahren, sondern in der Kolpingstraße oder beim Aldi einkaufen. Damit kommt hier auch Gewerbesteuer herein, die sonst unsere südlichen Nachbarn kassieren würden.

Wie entschlossen einige Burg-Fans sind, die Zugbrücken hochzuziehen, sieht man an dem ernsthaft diskutierten Plan, die Kreuzung an der Shell-Tankstelle so umzubauen, dass der Verkehr aus Landsberg in nördlicher Richtung in die Viktor-Frankl-Straße abgeleitet wird.  Allerdings sind sämtliche Varianten, von denen ich gelesen habe, ein totaler Murks, der den Unfallschwerpunkt verändert, aber nicht entschärft. Den Radweg auf eine Brücke oder in eine Unterführung zu verlegen, ist Unfug von der gröbsten Sorte. Einen Kreisverkehr würde ich mir gerade noch eingehen lassen. In umgekehrter Richtung ist es zum Glück schwieriger, die alte B17, also die einzige Nord-Süd-Verbindung, auf der noch Tempo 50 gefahren werden darf, mit Gewalt verkehrszuberuhigen.

Wer das Gemeinwohl über den Eigennutz stellt, muss zu einer anderen Verkehrspolitik kommen. Hätten die Parkplätze der Supermärkte auch Zufahrten im Osten, also zur alten Bundesstraße hin, würde die Kolpingstraße entlastet. Zugleich würde durch den Abbiegeverkehr an den neuen Parkplatzeinfahrten der Verkehr auf der alten B17 verlangsamt, was den Verkehrsberuhigern eigentlich sympathisch sein müsste.

A propos: eine Anmerkung noch zum ADFC. Dieser Mini-Verein spielt sich auf als legitime Interessenvertretung der Radfahrer. Bundesweit sind in ihm 0,2 Prozent der Bevölkerung oder 0,5 Prozent der regelmäßig Radfahrenden organisiert. Der hiesige ADFC-Funktionär Martin Baumeister tut sich immer wieder damit hervor, die verkorkste Tempozonenpolitik zu preisen. Als Radfahrer verwahre ich mich gegen die Anmaßung, in meinem Namen widersinniges Zeug zu verbreiten. Laut Baumeister darf man auf den als für Radfahrer „frei“ erklärten Gehwegen (also Kolping- und Albert-Schweitzer-Straße) nur in Schrittgeschwindigkeit radeln. Das scheint zuzutreffen, aber praktisch niemand weiß das. Würden sich die Radler daran halten, könnten sie einerseits gleich zu Fuß gehen, andererseits stellten die Einfahrten zu den Parkplätzen dann überhaupt keine Gefahr für die Radler da. Aus 6 km/h liegt mein Bremsweg bei einem halben Meter.  Was aber sehr wohl ausgesprochen gefährlich ist: Baumeisters Rat zu folgen und auf einer Fahrbahn zu radeln, auf der viele Auto- und Lastwagenfahrer unterwegs sind, teils gestresst von Rechts-vor-Links und teils von einem Straßenbild irritiert, das nicht den Eindruck einer 30er-Zone vermittelt.

So, und hier noch mal die bereits bei Facebook geposteten Aussagen des ADAC zum Dilettantismus bei der Ausweisung von 30er-Zonen, der wohl kein Kauferinger Problem ist, sondern ein verbreitetes:

 

 

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3 Antworten auf „Wer will ein grabesruhiges Schlafdorf?“

  1. sehr geehrter Nachbar,

    vielen Dank für einen weiteren lesenswerten Artikel über die aktuelle Verkehrssituation in Kaufering.

    Ihre zutreffenden Zeilen und die ADAC Zusammenfassung zu Tempo 30 Zonen führen zu einer logischen Schlussfolgerung:
    Das vor Jahrzehnten mit Bgm. Dr. Bühler und dem ADFC in Kaufering umgesetzte System Tempo 30 auf Vorfahrtsstrassen und echten Tempo 30 Zonen ist wohl die bis heute vernünftigste Lösung in Orten unserer Größenordnung (Siehe Bad Wörishofen).

    Nur scheint es so, daß durch die zunehmende Selbstverwirklichung aller Verkehrsteilnehmer das damals mutige Umsetzen heute eine stringentere behördliche Regelung erfordert.
    Damit werden zwar Vorgaben aufs Komma eingehalten und Ideologien anschaulich vertreten, allein der mündige Bürger ist unzufrieden.

    Wir werden wohl durch eine Phase des Lernens müssen, bis durch allg. rücksichtsvollere Verkehrsteilnahme und vernünftige Straßenanpassungen wieder ruhigere Verhältnisse in Kaufering einkehren.
    Das Gleiche erhoffe ich auch für die anderen Probleme unserer Heimatgemeinde.

    1. Sehr geehrter Herr Pöckl,
      Herr Bühler hat damals nichts mutig und vernünftig umgesetzt, sondern sich eigenmächtig über die StVO hinweggesetzt, und das nicht einmal konsequent. Er hinterließ einen Flickenteppich. Auf dem Ahornring galt z.B. Tempo 50 mit Rechts-vor-Links. Von uns aus der Buchenstraße nach rechts in den Ahornring abzubiegen, ohne dem von links Kommenden seine gefühlte Vorfahrt zu gewähren, war schon immer ein Ding für echte Gefahrensucher. Sie werden das in umgekehrter Richtung natürlich auch kennen, wenn Sie aus Ihrer kleinen Sackgasse herauskamen und die Autos von der Kolpingstraße her vorbeibretterten, nicht wahr?
      Selbst in der Buchenstraße, im Kastanienweg, der Eschenstraße und vielen anderen Straßen ohne Gehweg galt in Bühlerscher Zeit KEIN Tempo 30, sondern Tempo 50 in Verbindung mit § 1 StVO.
      Unter Erich Püttner wurde das Ganze dann verschlimmbessert.
      Ich würde mir wünschen, dass sich Kaufering wieder an die Spielregeln hält, die bundesweit gelten – und bleibe als begeisterter Radfahrer bei meiner Meinung, dass der ADAC vernünftiger ist als der ADFC.

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